Der geisternde Schlossbauer

Im zweiten Band der „Sagen aus Kärnten“ von Georg Graber wird eine Sage wiedergegeben, die ich von Kinderbeinen an kenne, nämlich jene vom geisternden Schlossbauer. Diese lautet bei Graber wie folgt:

Am Kraigerberg oberhalb der Kraigerschlösser lebte ein Bauer, der Schlossbauer hieß. Er führte ein leichtsinniges Leben. Wenn er Geld hatte, vertrank und verspielte er es und ließ dabei seine Familie darben. Einst ging er betrunken um Mitternacht nach Hause. Er verlor den Weg, stürzte in der Dunkelheit von einem Felsen ab und blieb an einem Zaunpfahl stecken. Dort fanden ihn nach drei Tagen die Leute schwer verletzt, aber noch lebend. Nicht lange danach starb er allerdings. Da sprachen die Leute, dass er wegen seines bösen Lebenswandels im Grab keine Ruhe finden werde. Und richtig: Schon am folgenden Tag erschien der Totenschädel des Schlossbauers in seinem Hause. Die Inwohner begruben ihn nochmals in geweihter Erde, aber am nächsten Tag war er wieder da. Dies wiederholte sich nun so lange, bis endlich der Pfarrer kam und den Schädel einsegnete. Von da an gab er Ruhe. Noch heute erzählen die Bauern bei den Kraigerschlössern, dass der Geist des Schlossbauers um Mitternacht im Hause umgehe.

Meine Großmutter Marianne Meierhofer (Geburtsjahr 1921) hat mir als Kind erzählt, sie könne sich noch an einen Tisch erinnern, der beim Schlossbauer am Dachboden stand. In der Tischplatte war in der Mitte eine Mulde, und darin lag (unter einem Tuch) der geisternde Totenschädel. Wenn er zu hohen Fest- und Feiertagen (vor allem zu Ostern und Weihnachten) nicht abgestaubt und mit Weihwasser besprengt wurde, kamen die Hausleute die ganze Nacht nicht zur Ruhe. Im Dachboden polterte und lärmte es so lange, bis der Dienst am Totenschädel getan war. Als meine Großmutter 15 Jahre alt war (1936), brannte das Schlossbauerhaus mitsamt dem Stall ab. Vor Kurzem sprach ich mit einem anderen alten Kraigerberger, Michael Stromberger vulgo Franz, über diese Sage, und er konnte sich erinnern, dass man damals erzählte, der Totenkopf sei brennend heraus gerollt und später wiedergekommen. Trotz dieser weiterführenden Geschichte war aber ab dem Neubau des Schlossbauerhauses (als Wochenendhaus) keine Spur mehr vom geisternden Totenschädel.

In meinen Nachforschungen zur Besitzfolge der Zweiner Bauern fand ich im Sterbbuch von Kraig folgenden Eintrag:

27. März 1841 – Zwein 3 – Johann Fasching, verehelichter Besitzer der Schlossbauerhube – 34 Jahre – über einen Felsen abgestürzt

Sofort musste ich natürlich an die Sage denken. Wie so oft war ich erstaunt, wie „jung“ so eine Sage sein kann. Obwohl einige Kärntner Sagen sicher mittelalterlichen Ursprungs sind, sind doch sehr viele eher im 18. und 19. Jahrhundert angesiedelt. Im ersten Teil der Sagensammlung von Georg Graber gibt es eine längere Sage über Hartwig von Kraig, in der auch, wenn auch nur als Nebenstrang, ein geisternder Totenschädel vorkommt.

Es gab Mitte des 13. Jahrhunderts tatsächlich einen Hartwig von Kraig, der als Zeuge in Urkunden des Spannheimer Herzogs Bernhard und seines Sohnes Ulrich III. erwähnt wird. Auch fand zu jener Zeit, wie in der Sage erwähnt, ein Kreuzzug statt, nämlich der sechste Kreuzzug unter der Führung von König Ludwig IX. von Frankreich. Allerdings einigte sich die Witwe Hartwigs von Kraig im Jahr 1261 mit dem Pfarrer von Meiselding in einem Streit um Abgaben, weswegen sie nicht, wie in der Sage erzählt, vor Hartwig verstorben sein kann. Die Sage nimmt ein altes europäisches Erzählmotiv auf, nämlich die sogenannte Crescentia-Legende, mit dem Unterschied, dass die Hauptperson stirbt und nicht wie Crescentia Rache üben kann. Die Schlussworte der Sage über den unruhigen Totenkopf, der zu heiligen Zeiten mit Weihwasser gewaschen werden muss, decken sich allerdings wieder mit den Erzählungen meiner Großmutter. Wahrscheinlich hat sich diese ältere Geschichte mit der des tragischen Endes des Schlossbauers überlagert. Die Sage über Hartwig lautet bei Graber folgend:

Hartwig von Kraig hatte eine wunderschöne Frau. Sie war so zart, dass man, wenn sie Wein trank, den Trunk durch ihren schwanenweißen Hals hinabfließen sehen konnte. Die Ritter der Umgebung bewunderten sie über alle Maßen. Wenn sie jemanden freundlich ansah, regte sich schon Eifersucht in den Herzen der Anderen. Doch ihr eigenes Herz war rein wie frisch gefallener Schnee. Sie lebte nur für ihren Gatten Hartwig und wies alle anderen Männer mit Würde und Strenge ab. So auch den Vogt des Schlosses (Verwalter, Vetreter des Burgherrn) , einen schlauen, aber niederträchtigen Mann, der von ihrer Schönheit geblendet war und versuchte, sich ihr zu nähern. Mit verächtlicher Miene und ernsten Worten wies sie ihn zurück. Der Vogt aber, von Rachsucht erfüllt, schwor, sich für diese Zurückweisung zu rächen. Er wusste, wie er sich in das Vertrauen Hartwigs einschmeicheln konnte. Als er festen Boden unter den Füßen hatte, begann er, die tugendhafte Frau bei ihrem Mann zu verleumden und sie der Untreue zu bezichtigen. Hartwig, von Eifersucht verblendet, glaubte den Lügen des Vogts, ohne seiner Frau auch nur Gehör zu schenken. Er ließ sie in den Burgfried werfen, einen Turm, der von einem tiefen Graben umgeben war. Dort musste sie in Dunkelheit und Kälte hausen, nur von Wasser und Brot leben. Wochenlang schmachtete sie dahin, verzweifelt, aber still ertragend. Dem alten Schlossförster, der in einem kleinen Häuschen neben dem Turm wohnte, ging ihr Schicksal so zu Herzen, dass er den Mut fasste, den Ritter auf sein grausames Unrecht hinzuweisen. Doch Hartwig blickte ihn mit zornfunkelnden Augen an und wies ihn schroff hinaus. Der alte Mann gab aber nicht auf – er wollte den Vogt entlarven, mochte es kosten, was es wolle. Da übermannte Hartwig die Wut: Er zog sein Schwert und stieß es dem treuen Förster in die Brust. Der Alte fiel zu Boden und starb mit röchelndem Laut. Nach dieser Bluttat konnte Hartwig nicht mehr im Schloss bleiben. Von Reue und innerer Unruhe gequält, schloss er sich den Kreuzrittern an, die gerade ins Heilige Land zogen. Er suchte dort den Tod, stand stets an vorderster Front, doch kein Schwert traf ihn – er blieb unverletzt. Schließlich kehrte er nach Jahren, von Trauer und Schuld gezeichnet, in die Heimat zurück. Noch bevor er die Grenze Kärntens erreichte, hatte er einen Traum: Ihm wurde darin offenbart, dass seine Frau unschuldig sei und er sich beeilen müsse, wenn er sie noch lebend treffen wolle. Er ritt so schnell er konnte – doch als er auf die Turmwiese vor seinem Schloss kam, sah er aus dem Burgfried eine weiße Taube aufsteigen. Er wusste sofort, dass dies die Seele seiner verstorbenen Frau war. Sie war soeben gestorben, unschuldig und rein.

Hartwig weinte bitterlich an ihrem Grab. Dann ließ er den verräterischen Vogt ergreifen und für seine Schandtat bestrafen. Nachdem er sich von seiner Gattin verabschiedet und Buße getan hatte, zog er erneut als Pilger und Büßer ins Heilige Land – diesmal für immer. Er kehrte nicht mehr zurück. Doch der Kopf des getöteten Schlossförsters fand im Grab keine Ruhe. So oft man ihn auch begrub, immer wieder tauchte er im Schloss auf und lag im alten Försterhäuschen, wo seine hohlen Augen von der Wand herabblickten. Die Leute gewöhnten sich daran. Man ließ den Schädel stehen und wusch ihn zu heiligen Zeiten mit Weihwasser ab, damit die Seele des treuen Alten Frieden finde.

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