Brandserie am Kraigerberg oder Der Anzünder Ferde

Im November 2025 versetzt eine Serie von Brandlegungen den Ort Oberdorf bei Rennweg im Katschtal in Angst und Schrecken. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich vor über 100 Jahren am Kraigerberg ganz ähnliche Ereignisse abspielten.

Am 11. Dezember 1921, gegen 22h30, kam ein Knecht des Hermann Meierhofer vulgo Zietner in Zwein verspätet nach Hause. Verwundert über einen, um diese späte Tageszeit ungewöhnlichen, Lichtschein im Stall des Zietnerhofes hielt er Nachschau. Als er den Stall betrat, entdeckte er, dass das Heu im Futterwurf in Flammen stand. Beherzt versuchte er, das Feuer zu löschen, doch es griff so rasch um sich, dass keine Rettung mehr möglich war. Das alte Gebäude, 1875 erbaut und erst kurz zuvor saniert, brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Am Nachmittag des folgenden Tages kam sein Bruder, Peter Meierhofer vulgo Jakele aus Stromberg, nach Zwein, um den Schaden zu begutachten und dem geschädigten Bruder Trost zuzusprechen. Allem Anschein nach war der Stall durch Brandstiftung abgebrannt. Als Peter Meierhofer am Abend nach Hause zurückkehrte, bot sich ihm jedoch ein weiteres erschütterndes Bild: Sein eigener Stall stand in Vollbrand. Gegen 19h30 hatten seine Leute das Feuer entdeckt.

Dem tatkräftigen Einsatz der Feuerwehr Eggen am Kraigerberg unter Kommandant Raimund Fritzlechner war es zu verdanken, dass die umliegenden, mit Stroh gedeckten Gebäude gerettet werden konnten. Der Stall selbst war jedoch nicht zu halten. Drei Kälber, 28 Schafe und drei Schweine kamen im Feuer um.

Der Schaden wurde auf 261 Millionen Kronen beziffert. Die Hyperinflation trieb Ende 1921 die geschätzten Schadenssummen in schwindelerregende Höhen. Da niemand wusste, welchen Wert das Geld im nächsten Monat oder gar in der nächsten Woche haben würde, wurden die Schätzungen bewusst hoch angesetzt. Diese Praxis änderte sich im Jänner 1922, wie spätere Bewertungen zeigen. Der Schadensumme stand eine Versicherung von lediglich 80.000 Kronen gegenüber.

Vom ersten Brand in Zwein ist keine Schadens- und Versicherungssumme überliefert, sie dürften sich aber in etwa mit jenen des Jakele Stalles decken. Erzählungen zu folge konnten mit dem ausgezahlten Versicherungsbetrag gerade einmal die Nägel für den Neubau bezahlt werden.

Die Brandserie jedoch setzte sich fort.

Peter Meierhofer jun. vor dem Jakele Stall

Peter Meierhofer jun. vor dem neuen Jakele Stall

Peter Meierhofer, der sich um einen raschen Neubau bemühen musste, verlegte seinen bäuerlichen Betrieb vorübergehend zum Onkel und Nachbarn Johann Meierhofer vulgo Mörtl in Stromberg. Doch auch dieser Hof blieb nicht vom Unglück verschont. Am 10. Januar 1922, kaum einen Monat nach den ersten beiden Bränden, schlug der Brandstifter erneut zu. Wiederum um dieselbe Uhrzeit, gegen 19h30, brach im Stall des Mörtl-Hofes Feuer aus.

Die Feuerwehren Eggen und Kraig konnten zwar den Großteil des Stalles retten, jedoch nicht verhindern, dass die Flammen auf das strohgedeckte Wohngebäude übergriffen. Damit fand die Feuersbrunst kein Ende: Auch das Wohngebäude und der Stall des benachbarten Hofes vulgo Sepp in Stromberg, ebenfalls im Besitz von Johann Meierhofer, wurden erfasst. Alle drei Gebäude fielen den Flammen zum Opfer. Sämtliche Futtervorräte sowie zehn Rinder und 29 Schafe verbrannten. Der Schaden wurde diesmal mit 40 Millionen Kronen deutlich geringer geschätzt, die Versicherungssumme belief sich auf 3 Millionen Kronen.

Nach diesen drei Bränden war die gesamte Bevölkerung des Kraigerberges in heller Aufruhr. Es wurde vermutet, dass nur ein „Auswärtiger“ als Brandstifter infrage kommen könne. Feuerwachen sollten weitere Vorfälle verhindern.

Knapp zwei Monate später zeigte sich jedoch, dass diese Maßnahmen nicht ausreichten. Nachdem Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude beim vulgo Sepp bereits zerstört worden waren, traf es nun endgültig auch den Stall des Mörtl-Hofes, zusammen mit der Wagenhütte und dem Schweinestall. Von allem Vieh überlebten lediglich die vier Pferde unverletzt sowie zwei Rinder mit schweren Brandwunden. Zwanzig Rinder und zwölf Schweine kamen im Inferno ums Leben.

Nur durch den stundenlangen Einsatz der örtlichen Feuerwehren konnte das ebenfalls strohgedeckte Dach des Nachbarn Blasius Kanatschnig gerettet werden. Bei einer Versicherungssumme von 1 Million Kronen belief sich der Schaden auf 11 Millionen Kronen – für den siebzigjährigen Bauern Johann Meierhofer ein mehr als schwerer Schlag.

Im Laufe der folgenden Monate gelang es Peter Meierhofer vulgo Jakele, seinen im Dezember 1921 zerstörten Stall wieder aufzubauen. Man hoffte, die Serie der Brandlegungen sei damit beendet. Diese Hoffnung sollte sich jedoch nicht erfüllen.

Am 16. Juli 1922 brannte auch der neu errichtete Stall des Jakele-Bauern nieder. Zwar kamen diesmal keine Tiere zu Schaden, doch verbrannten 300 Meterzentner – eine alte Maßeinheit, die 100 kg entspricht – oder umgerechnet 30 Tonnen Heu. Trotz der weiterhin rasant fortschreitenden Inflation wurde der Schaden erneut auf 40 Millionen Kronen geschätzt, denen lediglich eine Versicherungssumme von 1 Million Kronen gegenüberstand.

Ein letztes Mal traf es den Jakele-Hof am 15. August 1922. Nachdem der Stall innerhalb weniger Monate bereits zweimal abgebrannt war, stieg nun aus der Wagenhütte Rauch auf. Die dort gelagerten Vorräte an Getreide und Stroh sowie zahlreiche Wirtschaftsgeräte wurden zerstört. Der Schaden von 1,5 Millionen Kronen war mit nur 2.000 Kronen versichert.

Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, welche Belastung diese Monate für die betroffene Bevölkerung bedeutet haben müssen. Der Untergang der Monarchie, die noch nachwirkenden Schrecken des Ersten Weltkriegs sowie die katastrophale wirtschaftliche Lage mit massiver Geldentwertung machten den Alltag ohnehin kaum erträglich.

Dann jedoch kam die Serie unerwartet zum Stillstand. Nach sechs Bränden innerhalb von neun Monaten ereignete sich im Herbst und Winter 1922/23 kein weiterer Vorfall.

Bis zum 6. April 1923. An diesem Tag schlug der Feuerteufel ein letztes Mal zu – diesmal nicht in Stromberg, sondern im Nachbarort Eggen am Kraigerberg. Ausgangspunkt war der Stall des im Besitz von Josef Kleinzig aus St. Veit an der Glan befindlichen und vom Ehepaar Konrad und Aloisia Hofer gepachteten Bauernhofes vulgo Valtl. Das Vieh und die angrenzenden Gebäude konnten zwar von den Feuerwehren Eggen und Kraig gerettet werden, der Stall, das Wohnhaus sowie die Holzhütte wurden jedoch vollständig zerstört.

Diesmal gelang es der Gendarmerie, den Täter zu stellen.

Der 17-jährige Knecht Ferdinand Pötscher gestand nach anfänglichem Leugnen, die Brände in Stromberg und Eggen gelegt zu haben. Für den ersten Brand bei Hermann Meierhofer vulgo Zietner wollte er nicht verantwortlich gewesen sein.

Zu Weihnachten 1920 war er als Knecht in den Dienst von Peter Meierhofer vulgo Jakele getreten, seine Mutter arbeitete dort bereits als Magd. Er galt als geistig schwach und wurde von seinem Dienstherrn als „faul und zur Arbeit nicht gut verwertbar“ bezeichnet. Wiederholte Zurechtweisungen führten schließlich zu Zorn und Rachegedanken. Den ersten Brand legte er nach eigenen Angaben aus Wut. Die folgenden Taten erklärte er zunächst damit, dass ihm „das Feuer Freude gemacht habe“, relativierte diese Aussage jedoch später.

Aufgrund anhaltender Konflikte mit seinem Dienstgeber beabsichtigte er, den Arbeitsplatz zu wechseln. Da seine Mutter einem Dienstwechsel nicht zustimmte und er ihr seine Pläne nicht offenlegen wollte, nahm er an, dass infolge der Brände weniger Arbeit vorhanden sein würde, er dadurch nicht mehr gebraucht und schließlich ziehen gelassen würde. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte er die Brandlegungen fort.

Pötscher entzündete die Feuer stets auf dieselbe Weise, indem er ein brennendes Zündholz in Stroh warf. Sein ruhiges und gleichgültiges Verhalten bei den Bränden sowie die allgemeine Annahme, der Täter müsse ein „Auswärtiger“ sein, trugen dazu bei, dass er lange Zeit nicht verdächtigt wurde.

Zu Weihnachten 1922 stimmte seine Mutter schließlich einem Dienstwechsel zu. Pötscher trat eine neue Stelle am Bauernhof vulgo Valtl bei Konrad Hofer an. Doch auch dort kam es bald zu Streitigkeiten – diesmal mit dem Knecht Viktor Taumberger und der Magd Margarete Eiper. Um ihnen „etwas anzutun“, wie er später aussagte, legte er erneut Feuer.

Ein vom Gericht angefordertes ärztliches Gutachten attestierte Pötscher zwar eine Geistesschwäche, jedoch keinen „Schwachsinn“, weshalb er als zurechnungsfähig galt. Auch eine Pyromanie wurde ausgeschlossen. Am 13. Juni 1923 wurde Ferdinand Pötscher in Klagenfurt zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt, wobei seine Geistesschwäche als mildernder Umstand gewertet wurde.

In den Geschichten über jene Zeit wird der Serien Brandstifter Ferdinand Pötscher nur mehr lakonisch „Anzünder Ferde“ genannt.

Wie viel Schaden durch die Brandstiftungen insgesamt entstand, lässt sich aus heutiger Sicht kaum beziffern. Die nahezu täglich wechselnden Umrechnungskurse der österreichischen Krone erschweren verlässliche Aussagen erheblich. Die herangezogenen Schadensmeldungen stammen aus einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1923.

Dieser sowie weitere Zeitungsartikel und die Links zu den digitalisierten Ausgaben auf ANNO sind in einem weiter unten angefügten PDF-Dokument zusammengefasst.

Dort finden sich auch die Chronologie der Ereignisse sowie der Versuch einer Umrechnung. Da nicht eindeutig feststellbar ist, aus welchem Jahr die jeweiligen Schadenszahlen stammen, wurden zwei unterschiedliche Berechnungsvarianten herangezogen.

Der historische Währungsrechner der Österreichischen Nationalbank arbeitet mit jährlichen Mittelwerten, was für diese wirtschaftlich extrem volatile Zeit nur eingeschränkt aussagekräftig ist. Zunächst erfolgte daher eine Umrechnung anhand des Wechselkurses zum Schweizer Franken, der für jeden Monat der Jahre 1921 und 1922 im Werk „Geldentwertung und Stabilisierung in ihren Einflüssen auf die soziale Entwicklung in Österreich“ von Julius Bunzel (1925) dokumentiert ist. Anschließend wurde mithilfe eines inflationsbereinigten Währungsrechners die heutige Kaufkraft berechnet. Als zweite Variante diente ein fixer Wechselkurs aus dem Jahr 1923, dem Erscheinungsjahr des Artikels.

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