Kraigerberger Lutherbibel

Am Bauernhof vulgo Zietner in Zwein, der sich seit 1763 im Besitz der Familie Meierhofer befindet, wird seit vielen Generationen eine über 400 Jahre alte Bibel aufbewahrt.

Gedruckt wurde sie im Jahr 1589 in Frankfurt am Main von Johann Feyerabend. Johann Feyerabend, ursprünglich aus Schwäbisch Hall stammend, war ein Großcousin und Geschäftspartner des berühmten Sigmund Feyerabend, der auch als Verleger der Bibel von 1589 genannt wird.

Die Bibel besitzt einen geprägten Ledereinband auf Holzdeckeln über fünf erhabenen Bünden sowie Buchbeschläge auf beiden Deckeln.


Der Originaldruck umfasste insgesamt 786 überwiegend doppelseitig bedruckte Blätter im Folioformat. Im Laufe der Zeit gingen jedoch einige Teile verloren, darunter das Titelblatt sowie große Teile der Apokalypse des Johannes. Die bibliographischen Blattangaben des Drucks lauten wie folgt:

  • 22 Blätter (Vorspann; Titelblatt in Schwarz/Rot – fehlt – sowie Index)
  • 353 nummerierte Blätter (Altes Testament, erster Teil)
  • 1 Blatt (Titelblatt der Propheten)
  • 240 Blätter (Altes Testament, zweiter Teil)
  • 168 nummerierte Blätter (Neues Testament; davon nur mehr 145 erhalten)
  • 2 Blätter (Register; fehlt)

Der Druck enthält zudem drei Holzschnitt-Titelbordüren, einen ganzseitigen Porträt-Holzschnitt sowie 144 Textholzschnitte.
Die Illustrationen stammen von Jost Amman und seiner Werkstatt sowie teilweise nach Zeichnungen von Tobias Stimmer und Johann Bocksberger. Zu den Initialen der beteiligten Werkstattkünstler gehören „HS“, „SHF“ und „CM“.

Im Zuge der Kärntner Landesausstellung „glaubwürdig bleiben“ im Jahr 2011 wurde die Bibel von Mitarbeitern des Kärntner Landesarchivs fachmännisch gereinigt, konserviert und in Fresach ausgestellt.


Da der Ankauf eines derart kostbaren Buches die finanziellen Möglichkeiten einer Bauernfamilie im 17. Jahrhundert überstiegen hätte, ist anzunehmen, dass ein Adeliger die Bibel ursprünglich in Frankfurt erworben hat. Es liegt nahe zu vermuten, dass es sich dabei um Sigismund von Khevenhüller, Freiherrn zu Wernberg und damaligen Besitzer der Herrschaft Kraig, gehandelt hat.

Khevenhüller, der das Patronatsrecht über die Probstei Kraig innehatte, holte im Jahr 1591 den in Sachsen geborenen Paul Held als evangelischen Pastor nach Kraig. 1594 wurde Held zum protestantischen Probst von Kraig ernannt, was den sogenannten Kraiger Probststreit zwischen dem habsburgischen Landesherrn und der Familie Khevenhüller auslöste. Eine Bibel dieser Art wäre ein standesgemäßes Geschenk für den neuen Probst gewesen.

Im Jahr 1598 setzte sich schließlich der Landesherr Erzherzog Ferdinand (der spätere Kaiser Ferdinand II.) durch, und Paul Held musste das Land verlassen. Sein Nachfolger wurde der streng katholische Hofkaplan des Gurker Bischofs, Konrad II. Gossaeus.

Wie die Bibel in der Folge auf den Kraigerberg gelangte und wo sie während der rund 180 Jahre der Gegenreformation verborgen war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. In den folgenden Zeilen wird daher der Versuch unternommen, auf Grundlage von Indizien eine mögliche „Reiseroute“ des Buches zu rekonstruieren.


Im Jahr 1600 wird in einer Urkunde des Probstes Gossaeus ein „Mathes am Eggen“ als Zechmeister der Kraiger Kirche genannt. 1611 wird festgehalten, dass die beiden Kirchenkämmerer der Probstei Kraig noch immer protestantisch seien. Mathes am Eggen dürfte der Großvater des um 1619 geborenen Adam Stromberger gewesen sein, der 1669 erstmals in den Kraiger Kirchenbüchern erwähnt wird (vulgo Eggner, heute vulgo Hansele in Eggen). Aufgrund seiner Tätigkeit als Bauer und Mesner an der St.-Ara-Kirche in Eggen erscheint er häufig lediglich als „Mesner Adam“ in den Quellen.

Nachdem Paul von Khevenhüller, der Erbe Sigismunds von Khevenhüller, die Herrschaft Kraig im Jahr 1616 an Ludwig von Grotta verkauft hatte, könnte die Bibel gemeinsam mit dem Zechmeister Mathes auf den Kraigerberg gelangt und dort im protestantischen Untergrund verwahrt worden sein. Als erster Aufbewahrungsort kommt demnach der Bauernhof vulgo Hansele in Eggen in Betracht.

Nach den Ereignissen um Jakob Stromberger (vulgo Valtl in Eggen) im Jahr 1716, bei denen auch Franz Stromberger (vulgo „Mesner Franzl“, Sohn des Adam Stromberger) verhört wurde, dürfte dieser Ort jedoch nicht mehr sicher gewesen sein. Jakob Stromberger wurde von „Lenz in Dörfl“, seinem Pisweger Schwiegersohn, wegen Häresie und der Weitergabe protestantischer Bücher angezeigt. In seiner Aussage erklärte Lenz zudem, dass sämtliche Mitglieder der Familie Stromberger sowie der Nachbar Franz Häretiker seien.

Vorstellbar ist daher, dass die Bibel anschließend bei Valentin Meierhofer vulgo Schmölzer in Laggen verwahrt wurde. Als Johann Meierhofer vulgo Schmölzer, ein Enkel Valentins, im Jahr 1775 verstarb, waren seine beiden Söhne noch minderjährig. Um im Falle einer Entdeckung die Witwe und die Kinder nicht zu gefährden, dürfte das Buch an Johanns Bruder Veit Meierhofer übergegangen sein, der 1763 den Zietnerhof in Zwein erworben hatte.


Die Bibel wird somit seit mindestens 236 Jahren in Zwein aufbewahrt.

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑