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Johann Pötscher war ein Kraigerberger Bauer, vulgo Kogler in Zwein, der am 25. Februar 1750 wegen des Verbrechens der Blasphemie (Gotteslästerung) hingerichtet wurde.
Geboren um ca. 1685 und aufgewachsen als Bauernsohn vulgo Gritscher in Laggen am Kraigerberg, heiratete er 1716 Ursula, die Tochter des Nachbarbauern Oswald Koppiz vulgo Duller. Da Koppiz keinen Sohn hatte, wurde Pötscher zunächst Jungbauer in Laggen. Sein Schwiegervater verließ Laggen und wurde Bauer auf dem zur Herrschaft Schloss Frauenstein gehörigen Koglerhof in Zwein. Spätestens ab 1719 wird Johann Pötscher in den Kirchenbüchern als Koglerbauer geführt.
Johann und Ursula Pötscher hatten insgesamt 13 Kinder, von denen zehn das Erwachsenenalter erreichten. Am Koglerhof hielt man Schafe, Ochsen, Kühe und Schweine sowie ein Pferd. Neben dem Ackerbau (Weizen, Roggen, Hafer) wurde auch Steinbier gebraut sowie Weinbrand hergestellt.
Die 1710er-Jahre waren eine sehr turbulente Zeit. 1713 und 1715 erreichte die Pest letztmalig das Gebiet um St. Veit an der Glan. 1716 wurde die St. Veiter Pestsäule errichtet. 1714 kam es zu einem der letzten großen Hexenprozesse in Maria Saal, bei dem vier Menschen bereits bei der Befragung auf dem sogenannten Zauberstuhl starben.
1717 wurden die beiden Kraigerberger Jakob Stromberger (heute Gasthaus Raunig/Juritsch) sowie Franz Stromberger, Messner der katholischen Filialkirche St. Afra in Eggen (heute vulgo Hansele), von bischöflicher Seite als Geheimprotestanten verhört. Der Schwiegersohn Jakob Strombergers, ein katholischer Bauer aus Pisweg, hatte diesen bei den bischöflichen Behörden in Straßburg wegen der Weitergabe lutherischer Bücher angezeigt. Zwischen dem Kraigerberger Bauern und seinem Pisweger Schwiegersohn kam es aufgrund der Glaubensunterschiede sogar zu einer tätlichen Auseinandersetzung.
1723 zog eine sogenannte Volksmission durch Kärnten und machte im Frühjahr auch in St. Veit an der Glan Halt. Angeführt von zwei Jesuitenpatres wurden am St. Veiter Hauptplatz über mehrere Tage Messen gelesen und Christenlehren gehalten. Auch die Gläubigen aus der Umgebung sollten erscheinen. Damit wollte die habsburgische Obrigkeit den möglicherweise noch im Land vorhandenen Lutheranern entgegentreten.
1739 wurde an einem Baum im Wolschartwald ein Votivbild der schmerzhaften Muttergottes angebracht. Zehn Jahre später wurde ein Bauernkind aus der Umgebung nach der Anbetung dieses Bildes vom Krankheitstod gerettet. In der hochbarocken Frömmigkeitskultur verbreitete sich die Nachricht von diesem Wunder sehr rasch, und innerhalb des Jahres 1749 pilgerten Tausende von Menschen zu dem neu entstandenen Wallfahrtsort im Wolschartwald. Neben dem Baum und dem Marienbild wurde eine kleine Holzkapelle errichtet.
Die dort abgegebenen Spenden und Opfer wurden vom Kloster St. Georgen eingesammelt, der Grund gehörte jedoch der Herrschaft Osterwitz. Es kam zu einem Streit zwischen den beiden Herrschaften, der so weit ging, dass es sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen deren Vertretern kam.
Ende August 1749 wurde die Kapelle auf Befehl des Erzbistums Salzburg abgerissen. Zur selben Zeit hielt sich Johann Pötscher mit seinem Sohn am Markt in St. Veit an der Glan auf. Gegenüber einem Bekannten aus Zensweg äußerte er sich kritisch über den Wallfahrtsort im Wolschartwald und verglich die sich raufenden Diener der beiden Herrschaften mit Vögeln, die sich bei einem Aas streiten.
Die Gerichtsakten zum Fall Pötscher sind verschollen. Aus anderen Quellen lässt sich jedoch schließen, dass ihm diese Aussage zum Verhängnis wurde, da mit dem „Aas“ die Muttergottes gemeint gewesen sein könnte. Inwieweit Geheimprotestantismus und die Ablehnung der Marienverehrung in seinem Verfahren eine Rolle spielten, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. In der Kraigerberger Kirchenchronik wird Pötscher, rund 35 Jahre nach seinem Tod, als protestantischer Märtyrer stilisiert.
Anfang September 1749 wurde Pötscher inhaftiert. Ende Oktober übernahm sein Sohn Franz den Koglerhof, und Ende November wurde Johann Pötscher durch den Landesbannrichter Emperger gütlich, also ohne Folter, verhört.
Das Verhörprotokoll wurde an den von Herrscherin Maria Theresia eingesetzten Kriminalrat in Klagenfurt geschickt. Dieses Gremium erteilte dem Landesbannrichter eine Empfehlung, der in der Praxis nahezu immer gefolgt wurde.
In der Kirchenchronik von Eggen wird berichtet, dass Kinder Johann Pötschers an den innerösterreichischen Hof nach Graz gereist seien, um für ihren Vater um Gnade zu bitten. Sie sollen jedoch von Jesuiten mit harschen Worten abgewiesen worden sein.
Am 25. Februar 1750 kam es zum Gerichtstag. Zu diesem Vorgang liegen im Kärntner Landesarchiv vier Rechnungen vor. Der damaligen kärntnerischen Rechtspraxis folgend wurden die Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. sowie die Landgerichtsordnung für Niederösterreich Kaiser Friedrichs III. als Rechtsgrundlage herangezogen. Pötscher wurde wegen einer minderschweren Gotteslästerung zum Tod durch das Schwert verurteilt. Zuvor wurde ihm – ebenfalls den Gesetzestexten entsprechend – die Zunge als jenes Körperteil, mit dem die Gotteslästerung begangen worden war, herausgeschnitten und an einen Pfahl genagelt.
Laut der mehrfach zitierten Kirchenchronik von Eggen soll sich Pötscher am Tag seiner Hinrichtung offen zum Protestantismus bekannt haben. Die Nachricht von der Hinrichtung eines Geheimprotestanten verbreitete sich rasch bis nach Regensburg, dem Sitz vieler Exulanten und der ständigen Vertretung der protestantischen Stände im Immerwährenden Reichstag, dem sogenannten Corpus Evangelicorum.
Mehrmals kamen Gesandte aus Regensburg auf den Kraigerberg, um einen Sohn Johann Pötschers als Zeugen mitzunehmen, der über die Ereignisse rund um seinen Vater berichten sollte. Sohn Gregor wurde 1752 nach Regensburg geschickt, da er als einziger der Söhne noch unverheiratet war. Diese Reise blieb jedoch nicht unbemerkt, und nach Gregors Rückkehr kam es zu mehreren Untersuchungen.
Gregor war in Regensburg mit dem einflussreichen kärntnerischen Exulanten Christian Grundner in Kontakt gekommen, einem eifrigen Vertreter der sogenannten Einschreibbewegung. Die Geheimprotestanten sollten sich öffentlich bekennen und in Listen einschreiben, um der Obrigkeit zu zeigen, wie viele von ihnen es in den Ländern Innerösterreichs gab.
Gregor, sein Bruder Georg und ihre Mutter Ursula, die Witwe Johann Pötschers, bekannten sich öffentlich. Gregor floh nach Sopron (Ödenburg). Georg und Ursula wurden dem Religionskommissariat in Albegg vorgeführt. Ursula legte – wie zuvor bereits ihr anderer Sohn, der Koglerbauer Franz – das katholische Glaubensbekenntnis ab. Georg weigerte sich weiterhin und wurde in das sogenannte Detentionshaus nach Klagenfurt eingeliefert.
Der Missionar Thomas Oberstainer zog im Jahr 1753 durch die gesamte Gemeinde Kraig und hielt Gottesdienste in den Filialkirchen Zwein und Eggen am Kraigerberg sowie Glaubenslehren bei allen Kraigerberger Bauern.
1759 starb Ursula Pötscher im Alter von 72 Jahren. Als Kaiser Joseph II. mit seinem Religionspatent im Jahr 1781 die evangelische Religionsausübung wieder zuließ, dauerte es noch zwei Jahre, bis sich auch die Kraigerberger Geheimprotestanten meldeten – unter ihnen auch Pötschers Söhne.