Das toleranzwidrige Betragen des protestantischen Bauers Jakob Starzacher am Kraigerberge

Am 30. November 1809 schickt Engelbert Schwarz, Gurker Konsistorialrat und Probst von Kraig, ein Schreiben an das Kreisamt Klagenfurt. Zuvor hatten sich sechs Mitglieder seiner Pfarrgemeinde über den Kraigerberger Bauern Jakob Starzacher beschwert. Starzacher habe, nicht zum ersten Mal, die Kraiger Bauern beschimpft und über die katholische Religion gelästert. Unter den Beschwerdeführern befanden sich auch zwei Kirchenkämmerer.

„Es erscheinen bei mir folgende ansehnliche Pfarrmänner aus dem Dorfe Kraig, als:“

Jakob MillerBesitzer der Doktorhube
Joseph MatschnigBlasibauerKirchenkämmerer
Johan KnäflBesitzer der Kasperlhube
Franz SafranTrattenbauerkeuschler
Gregor UrbasUnterer Hafnerkeuschler
Joseph ReinerAdl in ÜberfeldKirchenkämmerer

Jakob Starzacher, Bauer in Stromberg Nr. 1 vulgo Starzacher, wurde am 6. Juli 1769 als Sohn des Anton und der Apolonia Starzacher geboren. Bei seiner Taufe fungierte Johann Meierhofer, vulgo Schmölzer in der Laggen, als Taufpate.

Die Familie Starzacher ist eine der ältesten nachweisbaren Familien am Kraigerberg. Der Familien- und Vulgarname des Hofes stammt vom Namen des Gebietes „Starzach“ ab, dessen Stamm möglicherweise das slawische Wort „strmec“ (Abhang) ist.


1604, kurz nach Beginn der sogenannten Gegenreformation in Kärnten, wird in einem kirchlichen Protokoll eine „alte Starzacherin“ als der Häresie verdächtig angeführt, 1634 ein „Bärtl Starzacher“. 1683 stirbt Jakob Starzacher, Bauer am Starzachgut. Den Starzacherhof in Stromberg übernimmt sein Sohn Rupert Starzacher, welcher 1689, mit seiner Frau Eva, in einem Bericht über in Glaubenssachen suspekte Personen genannt wird. Ruperts Bruder Johann heiratet die Witwe Christina Zweiner und wird Bauer vulgo Zweiner in Zwein (heute vulgo Anrescher). Als Rupert 1733 im Alter von 90 Jahren stirbt, geht der Starzacherhof an seinen Sohn Johann und nach dessen Tod 1743 an Ruperts Enkel Anton Starzacher. Als sich 1783 die ersten Kraigerberger als der Augsburger Konfession angehörig melden und 1784 die evangelische Gemeinde Eggen am Kraigerberg gründen, befinden sich darunter auch Anton und Apolonia Starzacher mit ihren Kindern. Jakob Starzacher, der jüngste Sohn, war damals 15 Jahre alt, sein ältester Bruder Georg hatte den Hof bereits verlassen und war Bauer vulgo Sutscher in Pisweg.

Jakob Starzacher stammte also aus einer jener Familien, die im 16. Jahrhundert protestantisch wurden und dies auch während der etwa 180 Jahre der Gegenreformation als sogenannte Kryptoprotestanten blieben.


Nach dem Tod seines Vaters Anton Starzacher übernimmt Jakob am 28. November 1792 als 23-Jähriger den Starzacherhof. Drei Jahre später heiratet er die 17-jährige Agnes Stromberger, Tochter des Johann Stromberger, Bauer an der oberen Drabitscherhube in Unterdekka. Jakobs Bruder Georg, Sutscherbauer in Pisweg, und Niklas Burger, Müller in Weitensfeld, werden als Trauzeugen geführt. Die Ehe blieb kinderlos.

Im November 1809 kommt es nun zu jenen Vorfällen, die Jakob Starzacher eine Anzeige und eine Untersuchung einbringen. Jakob Starzacher hielt sich im Wirtshaus Trattenbauer, Kraiger Hauptstraße 28, auf und war dem Bericht zufolge bereits schwer betrunken. Die Wirtsleute Safran waren dabei, ihr Abendessen einzunehmen, und beteten zuvor ein Vater Unser. Starzacher begann, über die Gebete zu spotten. Gleich darauf kam Jakob Miller vulgo Doktorbauer in Kraig in die Gaststube, und Jakob Starzacher begann nun über andere Dinge zu schimpfen. Er beschimpfte die Kraiger Bevölkerung als „Bettler“, welche „nichts zu essen hätten“. Sie sollten sich nur „anfressen“ mit dem Fleisch, welches die Kraigerberger Bauern für die französische Besatzungsmacht herablieferten. Weiters drohte er, dass die Kraigerberger kein Fleisch mehr liefern würden, und man „solle ihnen die Franzosen nur zuschicken“. Diesen würde man „schon gut aufwarten“ und ihnen „Küchlein backen“.


1809 war ein Kriegsjahr. Der fünfte Koalitionskrieg gegen Napoleon begann im April mit dem Angriff des Habsburgerreiches auf das mit Frankreich verbündete Bayern. In Tirol, welches seit 1805/06 zu Bayern gehörte, kam es zur Zwangsaushebung von Rekruten, was den Tiroler Volksaufstand unter der Führung von Andreas Hofer auslöste. Im Juli kam es nach der Schlacht bei Znaim zu einem Waffenstillstand. In Tirol kämpften die Aufständischen um Andreas Hofer zwar noch weiter, spätestens aber mit dem Frieden von Schönbrunn am 14. Oktober 1809 und der herben Niederlage der Tiroler in der vierten und letzten Bergiselschlacht am 1. November war der Krieg für die Habsburgerseite verloren.

Die französische Besatzungstruppe zog erst wieder im Januar 1810 aus Kärnten ab. Bis dahin mussten die Kärntner für deren Unterhalt und Verpflegung aufkommen. In diesem Zusammenhang sind die Aussagen Starzachers zu verstehen.

Auch in Kärnten kam es 1809 zu Gefechten. Insgesamt dürften auf beiden Seiten etwa 500 Soldaten getötet und dreimal so viele verwundet worden sein. Mit dem Vertrag von Schönbrunn wurde Oberkärnten Teil des französischen Reiches. Dies hatte auch Auswirkungen auf die evangelische Gemeinde Eggen. Nachdem sich die Kraigerberger erst 1808 dem neugegründeten Vikariat Feldkirchen angeschlossen hatten, lag Feldkirchen plötzlich im französischen Ausland.


In den Wirren der Koalitionskriege gegen Frankreich trieb auch der Kärntner Räuber Simon Kramer alias Krapfenbäck Simale sein Unwesen. Am Vormittag des 9. September 1808 wurde im Wolschartwald ein französischer Korporal von mehreren Personen, die sich als Tiroler ausgaben, überfallen. Schnell gingen Gerüchte um, welche Kramer mit dem Überfall in Verbindung brachten. Nur dem berüchtigten Räuber wurde eine solche Dreistigkeit zugetraut. Der kommandierende Generalgouverneur Freiherr von Rusca drohte mit Aushebung und Exekution von Geiseln, sollten die Räuber nicht verhaftet werden. Am 17. September wurde Simon Kramer schließlich von zwölf Männern unter dem Kommando von Anton Lackner, Pfleger der Landgerichte Kraig und Nußberg, im Gasthaus auf der Wegscheide gestellt und erschossen.


In diese turbulente Zeit fallen also die Aussagen des Jakob Starzacher. Doch Starzacher sah die französische Besatzungsmacht nicht nur negativ. Er behauptete, „dass die Protestanten und die Franzosen die nämliche Religion hätten“ und dass früher „die Protestanten nach Siebenbürgen weggeführt worden seien“, nun aber die Katholischen.

Bevor die französischen Truppen 1809 den steirischen Wallfahrtsort Mariazell erreichten, wurde der Kirchenschatz, darunter auch die berühmte hölzerne Gnadenstatue der Maria mit dem Jesuskind, nach dem ungarischen Temesvár in Sicherheit gebracht. Auch darüber spottete Jakob Starzacher und meinte, die Katholiken sollten nur „hinaus auf Maria Zell kirchfahrten, das alles ausgeplündert“ sei.

Weitere Schmähungen gegen die Katholiken folgten. Starzacher sagte, die Katholiken hätten nun keinen Gott mehr, den sie anbeten könnten – er meinte den Papst – und fragte, wen sie anbeten würden, wenn dieser hingerichtet werde. Nachdem der Papst mit „Gott geredet“ habe, sollten die Katholiken ihn nun fragen, was er zu sagen habe.

Nachdem Papst Pius VII. den französischen Herrscher Napoleon Bonaparte im Juni 1809 exkommuniziert hatte, ließ dieser den Papst festnehmen und nach Frankreich bringen. Der Kirchenstaat wurde in das französische Reich eingegliedert.


Starzacher beschimpfte auch alle katholischen Seelsorger als „Bettelpfaffen“ und „Volksverfüherer“ und drohte, den nicht anwesenden „Verwalter von Hunnenbrunn“ Landgerichts-Pfleger Anton Lackner „bei der Mitte abgeigen“ zu wollen, da es nach der Meinung Starzachers bei der Ochsenstellung – also der Lieferung von Ochsen an die Besatzer – zu Ungerechtigkeiten gekommen sei.

Die Stimmung in der Gaststube war so aufgeheizt, dass es beinahe zu einer Schlägerei zwischen den Kraiger Bauern und dem betrunkenen Kraigerberger gekommen wäre. Starzacher soll dem Gregor Urbas vulgo unterer Hafner auch „ein Gläschen Branntwein und eine halbe Most“ ins Gesicht geschüttet haben.

Die sechs Beschwerdeführer geben zwar an, dass Starzacher schwer betrunken gewesen sei und sie sich daher „nicht viel daraus machen würden“. Da Starzacher aber schon des Öfteren – „so oft er betrunken sey“ – neben Beschimpfungen auch „Anzüglichkeiten gegen die Religion“ getätigt habe, würden sie nun Beschwerde führen. Sie wünschten sich, dass „dem Übel für die Zukunft ernstliche Schranken gesetzt“ würden, da sie mit den Kraigerberger Protestanten oft zu tun hätten und sich endlich Frieden einstellen solle.


Nach dem Bericht über die Aussagen der Kraiger Bauern schreibt der Kraiger Propst Engelbert Schwarz noch einige Zeilen aus eigener Sicht. Er beschreibt, dass er gleich nach seinem Amtsantritt als Propst im Jahr 1805 eine „gewisse vorherrschende Abneigung gegen die Katholischen“ bemerkt habe. Schwarz hielt Rücksprache mit dem evangelischen Pastor von Gnesau, Johann Lederer, welcher die Gemeinde Eggen am Kraigerberg betreute, und bat ihn, auf die evangelische Gemeinde einzuwirken. Dies war auch von Erfolg gekrönt, und es wurde ruhiger im Zusammenleben zwischen den beiden Konfessionen. Schwarz vertritt die Meinung, dass man die Ereignisse um Starzacher mit „Milde und Schonung“ betrachten sollte, um die Situation nicht wieder anzuheizen. Dennoch sollte es zu einer „angemessenen Gutmachung des den Katholischen angethanen Schimpfes“ kommen.


Anfang März 1810 kommt es durch die Bezirksobrigkeit St. Georgen am Längsee zu einer Untersuchung der Vorfälle. Da der Kraiger Probst bei der Untersuchung dabei sein will, aus gesundheitlichen Gründen allerdings das Haus nicht verlassen kann, findet die Untersuchung in Kraig statt. Anwesend sind 3 der 6 Beschwerdeführer nämlich Miller, Urbas und Reiner, der protestantische Vikar von Feldkirchen Philipp Gregori, der Pfleger des Landgerichtes Kraig und Nussberg Anton Lackner, der Vertreter des Werbbezirkes St. Georgen am Längsee und Starzacher selbst. Die drei Kraiger Bauern bestätigen ihre Aussagen und sind bereit diese zu beeiden.

Starzacher verteidigt sich damit schwer betrunken gewesen zu sein und sich an nichts mehr zu erinnern. Er bezweifelt das Vater Unser Gebet mit Spott bedacht zu haben, die anderen Aussagen möge er vielleicht getätigt haben. Er sei aber durch seine Berauschung nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen. Der Vikar Gregori gibt zu Protokoll das Starzacher ein fleißiger und gesitteter Bauer sei, der sich auch beim Religionsunterricht hervortue. Starzacher entschuldigt sich bei den Beleidigten und es wird vereinbart das Vikar Gregori einen mehrtägigen Unterricht mit Starzacher vorzunehmen habe. Dies solle geschehen damit Starzacher sein ungebührliches Verhalten gegenüber der katholischen Religion und gegenüber seinem Gerichtsherren einsehe.

 Am 23. März 1810 schreibt das Kreisamt Klagenfurt an das Landgericht Kraig und Nußberg. Darin wird aufgrund der schweren Alkoholisierung Starzachers eine strafrechtliche Verurteilung wegen Religionsstörung abgelehnt und eher eine Verurteilung wegen Trunkenheit, einer schweren Polizeiübertretung, angedacht. Da aber der Kraiger Propst Schwarz selbst keine „strenge Behandlung“, sondern eine „überzeugende Belehrung“ fordere, kommt Starzacher ohne Verurteilung davon. 

Im Alter von 47 Jahren verkauft der kinderlose Jakob Starzacher 1816 die Starzacherhube am Stromberg an Valentin Wutte um 2000 Gulden. Neun Jahre später, 1825, ersteigert sein Neffe Sebastian Starzacher den Starzacherhof um 1100 Gulden. Bis zum Jahr 1918 bleibt der Hof danach im Besitz der Familie Starzacher.

Jakob Starzacher stirbt 1834 im Alter von 65 Jahren als Einwohner der Hoiswirtkeusche in Sirnitz. Karoline Huber, die Tochter des Besitzers des Hoiswirtes, Mathias Huber, wird ab 1848 Starzacherbäuerin in Stromberg. Sie heiratet den Sohn des oben erwähnten Sebastian Starzacher.

Jakobs Frau Agnes Starzacher, geborene Stromberger, stirbt 1855 als Auszüglerin an der unteren Franzhube in Laggen.

Bauernhof vulgo Starzacher in Stromberg 1

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